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Osterfahrt 1999 im Hunsrück

- 27. bis 30. März 1999 -

Am 27.3. im Jahre des Herrn 1999 begab es sich, dass eine Hand voll Pfadis sich an unserer legendären Hütte zu Bleidenstadt trafen. Sie wollten unsere Welt, die Natur, die Menschen , sich gegenseitig und sich selbst erleben. Auf alter und zeitloser Art der Wandervögel und Pfadfinder wollten wir durch die Gegend tippeln, in der Kohte unter den Sternen über dem Kohtenkreuz schlafen und das Feuer riechen.

Also ging es los mit öffentlichen Verkehrsmitteln via Mainz, über Bingen nach Simmern. Man lief los Richtung Kirchberg; Katrin, unsere vielgestresste Stammesführerin, hatte Kontakt zu dortigen Pfadfindern vom BdP, die dann auch am Abend vorbeikamen.

Liebenswert sich um uns kümmernd, führten sie uns durch die Weltstadt Kirchberg, ganz hübsch. Aber kein Mittelaltermarkt, wie es vorher bei uns in der Führungsrunde hieß, weit und breit, sondern nur ein Jahrmarkt, wie er überall in ländlichen Gegenden ein ganz besonderes gesellschaftliches Ereignis für die mofafahrende Dorfjugend darstellt. Nur mittelmäßig erbaut begannen die verrückten Pfadfinder dann mit Gitarre und Gesang sich zu outen. Immerhin brachte das 10,86 Euro ein, die dann sogleich in Form von Kakao konsumiert wurden. (Das war unsere gute Tat des Tages: In Gedenken an Bundesfinanzminister a.D. Lafontaine kurbelten wir die Inlandsnachfrage an.)

Sodann wurden wir in dem örtlichen Pfadiheim einquartiert, weil man warten musste bis zwei Leute nachkamen. Der Kirchberger Stamm ist um sein Heim zu beneiden. Ein Haus, mitten im Ort, 3 Etagen, Küche, Materialkammer, 2 recht große Gruppenräume und ein fast ausgestorbener Stamm. Ehrenamtliche Jugendarbeit unterliegt nun mal extrem starken Aufs und Abs, gerade wenn, wie jungendbewegten Kreisen immer noch gepflegt, mittlere Verantwortungspositionen vor allem an 16-18-jährige vergeben werden.

Da packte mich schon das Mitleid, gerade weil ich schon als kleiner Junge erlebt habe, wie toll es ist, mit Pfadfinders wegzufahren. Und die Kids(=unsere Pimpfe=unsere Kleinen) können Pfadfinderei nur erleben, wenn es vor Ort einen Stamm gibt.

Am Abend kamen Sabine, die andere Hälfte unserer Stammesführung, und ich mit dem Auto nachgefahren. Bine hatte noch ein wenig mit einer Erkältung gekämpft, ich kam direkt vom Nachtreffen unseres Sippenführerkurses. Diese Nachkommerei ist eigentlich ein Unsitte; steht man aber vor der Wahl sonst gar nicht mitzufahren, ist die Sache meist klar. Dann ging es noch zu einer Hütte einige Kilometer außerhalb im Wald.

Am nächsten Tag mussten wir in einem Ort vorbeilaufen, wo wir einkaufen können. Also auf die Karte geguckt: der sieht groß genug aus und dann dahin.

Als wir da waren, hatte der ansässige Tante-Emma-Laden vor 5 min zugemacht und machte jetzt 2 Stunden Mittagspause. Also warteten wir am Dorfplatz vor dem Brunnen, der laut Fremdenverkehrstafel kulturell besonders wertvoll ist. Leider war er abgestellt, aber welcher Tourist verirrt sich schon hierher? Nun gut, kaum gesetzt, kam’s nass von oben und vertrieb uns unter das rettende Dach der Bushaltestelle. Bestaunt von Einheimischen nahmen wir dort unser Mittagessen zu uns. Ist es nicht seltsam, dass es ganz normal ist zu Hause mit einem langen Brotmesser Brot zu schneiden, aber eine kleinen Sensation mit einem Fahrtenmesser ebenso langer Klinge an einer Bushaltestelle dasselbe zu tun?

Allmählich wurde es kalt, bis wir uns entschlossen , uns durch einige Energizer aufzuwärmen. Energizer sind zumeist äußerst alberne Sing- und Bewegungsspiele, besser Spielchen. Entsprechend starrten die beiden Jungen aus dem Ort uns an, zumal 6 von uns 8 deutlich älter sind als sie. Wir hatten unseren Spaß, wahrscheinlich noch mehr durch unser Publikum, als ohne es. Die beiden guckten uns eine geschlagene halbe Stunde zu. Nach dem Einkauf in dem Lädchen (Glücklicherweise gab es noch einen Metzger im Ort! Nicht auszudenken: zwei Tage ohne Fleisch.) ging es weiter nach Süden. In einem kleinen Bachtal kamen wir an einem alten Schieferbergwerk vorbei, typisch für die Gegend. An einem Gebäude prangte ein Schild: "Einbruch lebensgefährlich! Selbstschussanlagen in jedem Raum!" Martialisch, aber ob das wohl legal ist? Also das Schild überhaupt aufzuhängen, meine ich. Dass das ein Bluff ist, steht für mich außer Frage.

Gut, zwei Kilometer bachabwärts schlugen wir unsere Kohte auf. Und das Allabendliche nahm seinen Lauf. Jemand sucht Kohtenstangen (Stangen an denen wir unser Zelt, die Kohte aufhängen), jemand ein Kohtenkreuz, jemand Stempel (30 cm lange Hölzer, die wir auch für die Kohte brauchen) und jemand Feuerholz. Derweil knüpft man die Kohtenbahnen aneinander, räumt den Waldboden frei von Schotter, der beim Schlafen unbequem ist. Jemand schnippelt Zwiebeln, Speck etc.

Und dabei, wie überhaupt den ganzen Tag beweisen die Pfadfinder, dass sie lieben zu klatschen. Oder aber auch zu philosophieren über den unverbindlichen, nach schneller Befriedigung strebenden Zeitgeist, über die Wohlstandsgesellschaft, die ihren Reichtum überhaupt nicht mehr registriert, über immer weniger Menschen, die bereit sind sich zu engagieren, oder gar Verantwortung zu übernehmen. Wir flüchten nicht aus der Realität, aber in solchen Tagen, herausgelöst aus dem Alltag, ohne den allgegenwärtigen Blick auf die Uhr, besinnt man sich.

Nachdem die Kohte steht, eine Feuerstelle in der Mitte gebaut ist, setzt man sich um sie herum auf die Isomatten. Einer schürt das Feuer, Ilka spielt Gitarre, Timur kocht. Ich platziere die Teekanne auf ein paar brennenden Ästen. Es wird wärmer, gemütlicher. Man entspannt sich vom Laufen, von der vollbrachten Arbeit. Vorfreude auf die Käsenudeln mit ein wenig Speck, Schmant, Paprika, Zwiebeln, Lauch und Knoblauch macht sich breit. Aber um wie viel mehr man dieses ohnehin leckere Essen genießt, nach einem solchen Tag, als nach einem zu Hause vergammelten Ferientag, kann nur jemand wissen, der schon einmal auf Fahrt war. Dinge, die uns in den Schoß fallen, können wir nicht so genießen, wie Erarbeitetes. Es ist ein Irrtum zu glauben, weniger Anstrengung führt notwendigerweise zu mehr Wohlbefinden.

Nach dem Essen ein heißer Tee, noch ein netter Schwatz, dann wird gesungen, bis tief in die Nacht.

Entsprechend spät kommen wir am Morgen los. Leider waren wir am Abend nicht zum Spülen gekommen. Nun stellte sich heraus, daß das Essen kräftig angebrannt war, geschmeckt hatte es nicht danach. Vorm Loslaufen debattierten wir noch, ob wir zu einer Burg laufen wollten, die uns wärmstens von den Kirchbachern empfohlen worden war, oder direkt in den Soonwald mit mehr Wald und weniger Menschen. Nach demokratischer Abstimmung machten wir uns auf den Weg zur Burg. Wie die Menschen im Mittelalter folgten wir wieder einem Flusslauf. Heutzutage laufen hier keine Straßen mehr lang, es ist ruhig, bis auf den gelegentlichen Lockruf eines Forstwirts (einer Motorsäge). Zwei Kilometer vor der Burg laufen wir an einem idealen Lagerplatz vorbei, das lässt man sich nicht entgehen. Etwas schade war es schon, dass wir nicht auf der Burg schliefen, aber die ist 250 Höhenmeter über dem Fluss, und die nächste Gelegenheit Wasser zu holen ist dort, wo wir lagern, eine halbe Stunde weit weg. Am Abend labten wir uns an Currygeschnetzeltem. Man kann auch gut auf Feuer kochen.

Am nächsten Morgen bauten wir ohne Frühstück ab und liefen zur Burg, um dort zu frühstücken. Sehr geil! Strahlender Sonnenschein erwartete uns und die Burg bot uns vom Bergfried eine prächtige Aussicht auf das Flusstal, das sie mal kontrollierte.

Wieder stand ein Einkauf an. Anja, Ilka und Gerald erklärten sich heldenhaft bereit, auf die andere Seite der Schlucht nach Bundenbach zu laufen. Derweil paßten wir auf unser aller Gepäck auf, brieten in der Märzsonne und sangen ein wenig.

Als sie endlich zurück waren, gab’s Mittag und wir liefen Richtung Gemünden weiter. Einige ältere Spaziergänger, die wir trafen, grüßten uns mit den Worten: "Ach, die Jungenschaft!" Ungewöhnlich, normalerweise hält jeder, der keine Ahnung hat, Jungenschaftler für Pfadfinder. Hier war es mal umgekehrt.

Kurz vor Gemünden suchten wir uns einen Lagerplatz. Am Abend gab es Nudeln mit Schinken-Käse-Sahne Soße. Zum ersten Mal seit Sonntag kochten zwei unserer Frauen. Jeder macht die gleiche Arbeit.

Am nächsten Tag geht es nach Gemünden, da beim Einkaufen Hackfleisch vergessen wurde. Auf dem Weg kamen wir in einem Vorort an einer Bushaltestelle mit Mülleimer vorbei. Timur trug unsere Mülltüte und wollte sie also in den Mülleimer schmeißen.

Oh Gott, welch ein Unding! Einer der dort Wartenden, ein älterer Herr, stürzte sich auf den Zwölfjährigen und verbat ihm das. Und das in einem Ton, in dem selbst wir nur sehr selten unseren Kindern etwas sagen (, wenn sie z.B. eine Kohte fast anzünden). Ich ging dazwischen, nahm Timur in Schutz und hätte die Situation gerne eskaliert, indem wir den Müll im Mülleimer gelassen hätten. (Was will der Herr dann schon tun?) Aber vorher nahm jemand anderes von uns den Müll an sich: "Ein Mülleimer ist ja auch nicht für Müll da." Und hundert Meter weiter war eine alte freundliche Dame bereit, ihn an sich zu nehmen: "Ich verbrenn’ das bei Gelegenheit." Das hätten wir natürlich auch tun können, aber da sie doch schon so freundlich war, sagten wir nichts.

In Gemünden angekommen haben wir an einer Bushaltestelle gevespert, uns mit ein paar netten Einwohnern unterhalten und dann eingekauft. Dann folgten wir dem Simmerbach nach Norden Richtung Simmern, von wo es am nächsten Tag zurück nach Hause gehen sollte. Diese Nacht fanden wir ein klasse Tal mit Bach zum kohten. Ein dicker Ast eines Baumes ragte in 4m Höhe 5m über die Wiese hinaus und Björn ließ es sich nicht nehmen rauf zu klettern, damit wir die Kohte daran aufhängen können. Dauerte zwar auch nicht kürzer, als das Suchen von Kohtenstangen, eher länger, hatte aber wesentlich mehr Spielwert. An diesem Abend war Abschlussabend, das heißt es wird gefeiert, auf Lagern gibt es Tschai etc. Deshalb gab es Apfelpunsch (alkoholfrei natürlich), Björns Chili war der Knaller und gesungen haben wir bis spät in die Nacht.

Am nächsten Tag ging es nach Simmern, ich trampte nach Kirchberg, zu meinem Auto und wir trafen uns wieder am Abend bei dem Singeabend der Ingelheimer aus unserer VCP-Region. Sie hatten breit eingeladen und es war recht schön, aber leider kam kein anderer Stamm außer uns, aber das ist eine andere Story. Danach hatten wir auf jeden Fall noch nicht genug gefeiert und ließen die geile Stimmung im KUZ in Mainz erst so richtig ausklingen.

Lars Dohse

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Stand: 11. Apr 1999 // Schinderhannes online / Übersicht / Erinnerungen / erinn-21.htm -