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Wie jeden Winter fanden sich auch dieses Jahr ein paar Ältere, um zwischen den Jahren auf Winterfahrt zu gehen. Eigentlich waren wir sechs, aber durch dramatische Zwischenfälle standen wir, als es dann los ging, zu dritt da. Nun ja, davon wollten wir drei uns aber nicht abbringen lassen. Irgendwo in den Schnee wollten wir, aber nicht zu weit weg. Schließlich fuhren wir zur Saalburg am großen Feldberg.
Wir kamen im Dunkeln an, deshalb suchten wir gleich einen geeigneten Platz für unsere Kohte. Es lag ein bißchen Schnee, den wir erst mal wegschieben mußten. Auch das Feuermachen entpuppte sich bei nassem und gefrorenem Holz als Herausforderung.
Am nächsten Mittag stellten wir fest, daß wir ziemlich lange geschlafen hatten und machten uns ans Abbauen. Kurz vor dem Loslaufen kam ein älterer Herr in Grün und mit Hund zielstrebig auf uns zu. "Ah, ein Feuer und eine Fahne, da muß ich doch mal gucken. Das können doch nur Bündische sein!" Wen wir erst für den Förster gehalten hatten, stellte sich als Nerother Wandervogel vor und lud uns für die Nacht zu sich nach Hause ein.
Als wir der römischen Statue vor dem Kastell Saalburg unsere Stammesfahne für ein Photo in die Hand gaben, fragte uns ein älterer Herr, der uns dabei beobachtet hatte, was denn das für eine Fahne sei. Auf unsere Angabe, dies sei unsere Stammesfahne, war er beruhigt, daß wir Pfadfinder seien. Aber man könne ja heute nie wissen! Uns blieb einen Moment die Sprache weg. Hatte er uns gerade wirklich für Rechte gehalten? Wir, die uns bemühen, uns davon zu distanzieren und deren Ideologie grundverschieden ist? Wir waren einigermaßen schockiert, ließen uns aber dann doch nicht unseren Spaß verderben.
Wir verbrachten den Nachmittag damit, uns die Saalburg anzusehen und dort Mittag zu machen.
Während wir in einem der Ausstellungsräume aßen (wir hatten gefragt! Sonst hätten wir uns dann doch nicht mitten ins Museum gesetzt), kam ein kleines Kind mit den Worten "Hm, hier riechts nach Räuchermännchen!" in den Raum. Sehr treffend, hatten wir uns doch am Abend vorher in der Kohte gut geräuchert. Später liefen wir dann, da es schon zu dämmern begann, zu Albert, dem Nerother. Dort verbrachten wir einen sehr interessanten Abend und unterhielten uns bis spät in die Nacht. Albert, 68, geht jeden Sommer drei bis vier Monate auf Großfahrt nach Schweden, Lappland oder pilgert den Jakobsweg nach Santiago de Compostella in Spanien. Er überraschte uns immer wieder mit Berichten von Fahrten in Ländern und Zeiträumen, von denen wir bisher (und seitdem erst recht) nur träumen konnten. Er erzählte uns von den Nerothern, die anders als wir es bisher kannten, eine funktionierende Älterenstufe mit regelmäßigen Fahrten haben. Ein richtiger Lebensbund also.
Apropos Lebensbund: verheiratet ist Albert auch, noch nicht sehr lange, er hat keine Kinder. Helga, seine Frau, eigentlich ein eigenes Kapitel wert, nimmt es erstaunlich locker, daß ihr Mann ein Drittel des Jahres allein auf Fahrt ist. Mit den beiden verbrachten wir einen langen spannenden Abend.
Am nächsten Vormittag (wir schliefen schon wieder bis elf) luden die beiden uns direkt für den nächsten Abend ein, wir wollten aber erstmal los, um doch noch ein Stück zu laufen. So liefen wir den Limes entlang auf den großen Feldberg. Wir wollten eigentlich Schnee, aber wir bekamen hier Eis. Die Wege waren teilweise total vereist, so daß schon das Laufen alleine anstrengend war. Die dritte Nacht verbrachten wir im Römerkastell am Feldberg. Am Morgen, als wir uns gerade den Rest Wasser aus der Feldflasche, der nicht gefroren war, einschütteten, kamen schon die ersten Spaziergänger. Also machten wir uns auf den Weg zurück, nur noch zum Auto und ab nach Hause.
Um uns die 12km bis dahin aber noch etwas interessanter zu machen, wollten wir einen anderen Weg laufen, einen Wanderweg des Taunusklubs. Wir hatten fast den Stadtrand von Bad Homburg erreicht und schon ein richtig schlechtes Gefühl als wir feststellten, daß der Weg wohl nicht so läuft, wie er beschrieben war, sondern noch den einen und den anderen Umweg macht und auch überhaupt nicht da rauskommt, wo wir hinwollten. Schließlich kamen wir nach knapp 20km ziemlich kaputt am Auto an und freuten uns daran, nur zu sitzen. Unsere Beine und Füße konnten uns noch eine Weile erzählen, was wir an diesem Tag geleistet hatten. Was nun bleibt, ist das traurige Gefühl, daß die Auswirkungen der Angst vor rechter Gewalt sogar schon uns Pfadfinder mißtrauen lassen, das schöne Gefühl (und vielleicht der Traum), daß man auch mit 68 noch auf Großfahrt gehen kann und, natürlich, die Erinnerung an eine einzigartige Fahrt.
Björn Bernstein