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Erinnerungen an die Vorbereitungen zum ersten überbündischen Lager 1997
"Gemeinschaft aller Pfadfinder" - das hat doch jeder schon mal gehört. Das bedeutet für viele internationale Pfadfinderkontakte pflegen, in anderen Ländern Kontakte zu Pfadfindern aufnehmen oder zum Jamboree, dem Weltpfadfindertreffen fahren. Aufs Jamboree fahren, aber den Stamm eines anderen Bundes in der eigenen Stadt nicht kennen ?! Bezieht sich die Gemeinschft also nur auf die fernen, exotischen Pfadfinder??
Es ist Herbst 1996, da sickert zu uns durch: Es soll ein überbündisches Lager der Stämme aus Wiesbaden und Umgebung stattfinden. Schon wenig später sitzen wir bei der ersten Vorbereitungsrunde: ein paar bekannte VCP- Gesichter und viele neue unbekannte. Im Lauf der folgenden monatlichen Treffen lerne wir Horry vom BdP, Daniel von der jungenschaft grenzlandfahrer, Inka von den Heliandpfadfinderinnen, Rebecca auch BdP und Henning von den Kreuzfahrern kennen - aber auch die jeweils stammeseigenen Riten und Regeln, denn schließlich gilt es, sich auf eine gemeinsame Lagergestaltung zu einigen.
Chaotisch ging`s manchmal zu, aber produktiv und spaßig auch. Es kam der März und mit ihm das erste überbündische Lager der Bünde und Stämme aus Wiesbaden und Umgebung mit 120 Pfadfindern und Jungenschaftlern aus sieben Bünden.
Wo kamen die bloß alle her?? Da hatten wir jahrelang aktive Stammesarbeit betrieben und fast nichts von den anderen gewußt! Klar, in unserm Stamm war auch viel los und wir waren gut mit uns selbst beschäftigt. Auch Kontakte zu anderen VCP-Stämmen gab`s hessenweit. Aber das, was da auf der Pfadfinderbühne außerhalb des VCP passierte, war uns völlig entgangen.
Und ist das schlimm, dramatisch, der Weltuntergang? Was bringt es, andere Bünde zu treffen, wozu den Blick über den VCP-Suppentellerrand wagen? Vielleicht lohnt es ja, deine (negativen) Vor- Urteile zu überprüfen? Sicherlich wirst du manches bestätigt finden, aber da gibt es dann plötzlich und ganz überraschend Gemeinsamkeiten (Du hast es ja schließlich noch immer mit Pfadfindern zu tun). Und dann gibt es die Andersartigkeit der anderen, die fasziniert: Andere Rituale, Gestaltungsmöglichkeiten, Schwerpunkte Strukturen...... Impulse für dich und dein Pfadfinderleben im Stamm, in der Sippe und als Rover. Da kannst du neue Lieder kennenlernen, neue Spiele für den Jurtenabend und zum Austoben. Gibt es bei den anderen Morgenandachten? Und in welchem Stil? Schon einmal eine Kothe gesehen, die mit Innen- statt mit Außenzweibock aufgebaut wurde? Viel erstaunliches und Außergewönliches gibt`s zu entdecken: Bünde und Stämme, die nur einmal im Jahr Lager veranstalten und die Ferien für die (Wander-) Fahrten der Sippen freihalten. Es gibt Bünde mit fortlaufenden Sippen, die altersgemischt sind und alle zwei Jahre zwei neue Mitglieder aufnehmen, Bünde, bei denen das Wort "Kluft" alles von den Wanderschuhen über die Lederhosen bis zum Barett beinhaltet. Pfadfinder, die grundsätzlich und auch auf Großlagern ihr Essen auf Feuer kochen.
Vielleicht ist dir beim Lesen jetzt schon genau das passiert, was wir anregen wollen! Du wägst ab: Paßt das in mein Bild von Pfadfindern, gefällt mit etwas oder finde ich es unmöglich? Wäre das auch etwas für meinen Stamm, meine Sippe? Der Blick zu anderen Bünden erscheint uns deshalb so lohnend, weil er zum Nachdenken anregt, Impulse für die eigenen Pfadfinderarbeit gibt. Sicher, Impulse sind an vielen Ecken und Enden dieser Welt zu bekommen aber gerade für die pfadfinderische Seite der Stammesarbeit haben andere Bünde am ehesten Neues zu bieten.
Dies soll nicht als Aufforderung verstanden werden, sich unter andere Bünde zu mischen und dann zu kopieren was das Zeug hält. Ich glaube aber, daß eine gute Stammesarbeit nur dann möglich ist, wenn die Stammesführung oder die Führerrunde auch weiß, wohin sie mit dem Stamm wollen oder zumindest den eigenen Standort kennen und dafür ist ein Vergleich nicht nur mit anderen VCP- Stämmen sondern wegen der großen Vielfalt auch mit anderen Bünden eigentlich unentbehrlich. Erlebe die Eigenarten der anderen, begutachte sie: Bieten sie etwas , was in deinem Stamm fehlt? Gibt es Dinge, die für dich undenkbar sind? Was wäre wert, in deinem Stamm eingeführt zu werden?
Ein solches Abwägen kann den eigenen Standort innerhalb der Pfadfinderkultur zeigen, und auch das Ziel zu dem wir aufbrechen. Denn warum sollten wir, wie das Wort Pfad-Finder beinhaltet, Pfade suchen und finden, wenn's überhaupt kein Ziel gibt?
Wie geht man`s nun an - den Blick über den Tellerrand? Ein gemeinsames Lager der Bünde einer Stadt oder Region ist natürlich eine grandiose Gelegenheit zum Kennenlernen und zur Auseinandersetzung mit Riten und Regeln. Es erfordert aber Zeit, Engagement und den Mut, Leute anzusprechen, mit denen man bisher nichts zutun hatte.
Zumindest für das erste Beschnuppern und zum Kontakte knüpfen eignen sich überbündisch angelegte Wochenendveranstaltungen wie z.B. das Musische Wochenende auf dem Trifels, der Hamburger Singewettstreit, oder die Bündische Akademie. Auch auf den Veranstaltungen auf der Burg Balduinstein (an der Lahn) trifft sich meist ein sehr vielfältiges Pfadfinder- und Jungenschaftspublikum. Nur Mut, die anderen sind auch nur Menschen! Guckt´s euch doch mal an!
Viel Spaß und Gut Pfad
Tanja Darge und Lars Dohse