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Ein Pfadfinderstamm feiert Geburtstag: Der Taunussteiner Stamm "Schinderhannes", so benannt nach dem berühmten hessischen Räuberhauptmann, begeht seinen Dreißigsten auf einer Hochtaunuswiese zwischen Born und Watzhahn. Hunderte von Ehemaligen, Eltern und Freunden strömen zusammen. Die Gastgeber haben schwere Strohballen herbeigeschleppt, gelbe Sofas für die Gäste, über dem Feuer hängt ein gewaltiger Spießbraten.
Ilka war gerade sieben oder acht, als sie sich mit dem Halstuch und dem blauen Hemd des "VCP-Taunusstein" anzufreunden begann. "Eine Nachbarsfreundin", - sagt sie - "die hat halt immer erzählt, und das fand ich so klasse. Mit den älteren wegzufahren, das Abenteuerleben, das gefällt einem als Kind, so Tom-Sawyer-mäßig. Und dann wächst man da einfach rein, in dieses Lebensgefühl."
Heute ist Ilka 19 und leitet eine Gruppe von Mädchen, die sich "die Waschbären" nennen und gerade mal eben drei Jahre jünger sind als die junge Sippenführerin selbst. Ilkas Weg ist das, was man den klassischen Weg einer gelungenen Pfadfinder-"Sozialisation" nennen könnte. Er beginnt mit "Räuber- und Gendarmspielen" in der "Wölflingsgruppe", bis sich eines Tages herausstellt, dass das Ganze dann doch ein bisschen mehr war als ein Spiel, aus dem man aussteigen kann, wie aus einem alten Kleid. Dann stellt sich den Sipplingen von ehedem die große Frage, ob sie sich zutrauen, ihrerseits eine Sippe zu übernehmen, mit allem, was dazugehört: den Gruppenstunden, den großen Fahrten in die weite Welt.
"Natürlich" - sagt "Sippenführer" Lars, Student der Mathematik - "es gibt auch welche, die zum Volleyball überlaufen und keine Aufgabe übernehmen, nicht jeder ist zum Pfadfinder geboren. Man wird hier erzogen, über sich hinauszudenken, für die Gruppe mitzudenken."
Mit seinen 21 fühlt sich Lars eigentlich schon ein bisschen zu alt, mit kleinen Kindern auf große Fahrt zu gehen. Er ist dabei, sich zurückzuziehen, "um den jüngeren nicht soviel wegzunehmen an Verantwortung. Aber" - sagt er - "es ist kein schöner Gedanke aufzuhören." Irgend etwas sollte sich finden lassen, wo er wieder "einsteigen" kann, wenn er endgültig aus der Pfadfinderei herausgewachsen ist. "Einfach nur Geldverdienen und Spaß haben, Hedonismus an sich" - sagt er - "das ist ein bißchen wenig für mein Geschmack."
"Einmal Pfadfinder" - heißt es - "immer Pfadfinder", und es sieht ganz so aus, als sei das mehr als ein Spruch. Simon zum Beispiel, der seit kurzen in Münster studiert, ist bei der "Lebenshilfe" eingestiegen, dem Elternverein geistig behinderter Kinder. Und Jörg, seit mehr als zehn Jahren der blauen Kluft entwachsen, ist im Vorstand der freiwilligen Feuerwehr. Unterdessen dreißig Jahre alt und von Berufs wegen beim Bundeskriminalamt beschäftigt, ist er gewissermaßen in sechsfacher Ausfertigung erschienen: mit der gesamten Sippschaft von damals. Der gemeinsame Kampf mit der "Kohte", dem Kochtopf , und den Unwägbarkeiten der Natur hat sie geprägt. "Und Freundschaften" - sagt Klaus, der Druckermeister - "die man da gemacht hat, die bleiben das ganze Leben, und das ist einfach supertoll." Die anderen nicken. Gewissermaßen in Gleichklang. Das muss das "Wir-Gefühl" sein, das sich über die Pfadfinderei entwickelt. Nur so lässt es sich wohl auch erklären, dass die pflichtbewussten kleinen "Wölflinge", um die sieben Jahre alt, den überdimensionalen Spießbraten z später Stunde dann doch noch braungedreht haben, wenngleich sie möglicherweise lieber gespielt hätten. Große schwere Kochtöpfe von der Kochstelle zur "Kohte" ganz oben geschafft. Die Feierlichkeiten zum "30 jährigen Jubiläum des VCP-Taunusstein Stamm Schinderhannes" gehen ihren Höhepunkt entgegen: dem gemeinsamen Schmaus, dann dem großen Singen im Kreis um das Feuer. Die vielbeschriebene, belächelte Pfadfinderromantik. Dahinter verbirgt sich die Verführung zum Einsteigen, zum Übernehmen von Verantwortung. Und ein Lebensgefühl.
Christa Schell (von "ECHT - Das Magazin von Ihrer evangelischen Kirche". Wir bedanken uns bei der Redaktion für die freundliche Genehmigung :-) )