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Pfadfinder und die bündische Jugend

Die Bündische Jugend und die Besonderheit der deutschen Pfadfinderei

Warum sind deutsche Pfadfindergruppen anders als ausländische? Was ist bündisch? Was haben wir gemein mit anderen Bündischen, was mit anderen Pfadfindern?

Die deutschen Pfadfinder unterscheiden sich in einigen vordergründigen Dingen, von Pfadfindern anderer Länder. So sind die Leitungspositionen oft durch wesentlich Jüngere besetzt. 16 bis 18-jährige führen Sippen, viele 18-jährige Stämme. Der Stamm wird meistens durch eine Gruppe 16 bis 20-jähriger getragen, der Führungsrunde. Jugend unternimmt selbst etwas: Jugendbewegung. Im Gegensatz dazu sieht man in anderen Ländern oft, dass engagierte Familienväter oder -mütter mit vielen Kindern Ferienlager veranstalten. Hier betreuen Erwachsene Kinder und Jugendliche (eher Jugendpflege als Jugendbewegung). Bei vielen deutschen Pfadfindern wird in vielen Äußerlichkeiten auf einen gewissen Stil geachtet. Man benutzt Schwarzzelt, Kohten und Jurten, keine Plastikzelte oder Gerüstzelte. Oft wird die Tracht (das Pfadfinderhemd oder die Juja) auf Fahrt und Lager auch ohne Anlass getragen. Anders zum Beispiel die Pfadfinder aus unserer englischen Partnerstadt: Sie trugen bei der Ankunft alle ihr Hemd und die dazugehörige Hose sehr korrekt, wie eine Ausgehuniform. Und nach ihrer Ankunft hatten sie alle beide in fünf Minuten ausgezogen. Darüber hinaus wird von deutschen Pfadfindergruppen oft Wert auf einfaches Leben, auf Fahrt und Lager gelegt. Man verzichtet bewusst auf Stühle, Tische, Zeltböden, elektrische Geräte aller Art und oft wird auch auf Feuer gekocht.

Dies alles sind Unterschiede die auf internationalen Pfadfinderlagern immer wieder auffallen, auf Jamborees haben sie bei manchem unserer Teilnehmer schon zu einem regelrechten Kulturschock geführt . Viele dieser Unterschiede sind Äußerlichkeiten, aber auch Äußerlichkeiten können Wirkung entfalten.

Zunächst liegt die Frage nahe, woher diese stammen. Die Antwort in einem Schlagwort: Aus der Geschichte der deutschen Pfadfinder als Teil der bündischen Jugend. Beziehungsweise etwas exakter aus den Traditionen der Deutschen Jugendbewegung und/oder der Jugend- (und Erwachsenen-) Szene, die sich auch heute noch 'Bündische Jugend' oder 'Jugendbewegung' nennt. (Ein Wort zu Begriffsklärung: Oft wird 'Bündische Jugend' vereinfachend für 'Jugendbewegung' gesagt, und zwar ohne zwischen den historischen und heutigen Gruppen zu unterscheiden. Geschichtswissentschaftlich versteht man unter der Bündischen Jugend eine Phase der historischen Jugendbewegung in den 1920'er und 1930'er Jahren.)

Wer oder Was ist die bündische Jugend?

Heute empfinden sich viele Pfadfinder, Jungenschaften, Wandervögel, aber z.B. auch die Waldjugend als bündisch. Die Pfadfinder machen dabei die überwältigende Mehrheit aus. Sicher verstehen viele etwas mehr oder weniger Unterschiedliches unter "bündisch sein". Das heißt aber nicht, dass es nicht eine gewisse gemeinsame Bedeutung gibt, die sich hindurch kristallisiert.

Die Entstehung der Jugendbewegung begann mit der Entstehung des "Wandervogels" um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Dies war eine romantische Bewegung bürgerlicher Jugendlicher, die vor dem autoritären Druck ihrer Eltern und der Gesellschaft in die Natur flüchteten, um dort mehr nach ihren eigenen Überzeugungen zu leben. Außerdem war es eine Suche nach Abenteuer, das heißt nach unmittelbareren Erfahrungen, als in dem verschulten und durchorganisierten Alltag höherer (im Anfang vor allem) Söhne. Der Versuch den eigenen Überzeugungen gerecht zu werden wird vor allem in der "Meißner-Formel" von 1913 formuliert.

Diese Bewegung war im Anfang recht spontan in der Organisation ihrer Fahrten (Wanderungen über z.B. ein Wochenende ins Grüne). Schnell identifizierten sich die Mitglieder stark mit dieser Lebensweise, und so erwuchs der Wunsch dies an andere weiter zugeben. Dafür brauchte man Organisation. Auf der anderen Seite war sich die Horte (damit ist die Gruppe vor Ort gemeint, die gemeinsam auf Fahrt ging) oft selbst genug und war also weniger bereit sich einer Struktur unterzuordnen. Dieser Konflikt zwischen Gliederung in homogenen, kleinen Bünden und universellen, großen, aber damit notwendigerweise heterogeneren Bünden lebt bis heute in vielen Bünden fort. So spaltete sich der "Wandervogel" in verschiedene Wandervogelbünde. Homogenität war wichtiger genommen worden als das zusammen bleiben. Auch diese Tendenz zu immer neuen Spaltungen ("bündischer Spaltpilz") findet man bis heute.

Gleichzeitig entstand unabhängig vom Wandervogel, dafür um so näher am Staat auch in Deutschland die Pfadfinderei. Sie entwickelte sich sehr nah am britischen Vorbild, war vielleicht noch ein wenig mehr auf vormilitärische Ausbildung fixiert als dieses. Der erste Weltkrieg führte in Deutschland zu einer Entfremdung zwischen Pfadfinderei und Staat und dadurch zu einem Zusammenrücken der Pfadfinder und Wandervögel. Gegenseitige Einflüsse wurden sichtbar. Die Wandervögel übernahmen das Halstuch der Pfadfinder und die Fahnen, die etwas strafferen Formen und den größeren Organisationsgrad. Die Pfadfinder übernahmen die jugendlich bestimmte Führungsstruktur von den Wandervögeln, eine Menge idealistischen Romantizismus und die Kultur des Auf-Fahrt-Gehens. Charismatische Führungspersönlichkeiten wurden wichtiger. Diese Formen und Angebote waren so attraktiv, dass viele deutsche Jugendverbände sie ganz oder teilweise übernahmen. So entstanden neben den Pfadfinder- und Wandervögelbünden viele neue Bünde, es begann die Zeit der Bündischen Jugend.

Aus einem Zusammenschluss von Pfadfinder- und Wandervogelbünden entstand die "Deutsche Freischar", von dieser spaltete sich später die "Deutsche Jungenschaft vom 1.11.1929" (dj 1.11.) ab. Letztere muss erwähnt werden, da ihr äußerst charismatischer Führer Eberhard Koebel, besser bekannt unter den Namen "Tusk", einige Elemente einführte, die heute den Begriff "bündisch" sicher mitdefinieren. Tusk verbreitete ein Gefühl von Abenteuer und authentischem Leben durch Soldatenromantik und die Romantik ferner und fremder Länder. Er schrieb und redete über todesverachtende Samurai, Kosakken etc. Den anderen Bünden warf er "Kompromiss", "Bürgerlichkeit" (und Langweiligkeit) vor. Er führte die Kohte, ein Zelt der Lappen, die Jurte, eines der Mongolen, und die Juja (Jungenschaftsjacke) in die Jugendbewegung ein. Auch das Liedgut der Bünde ist von ihm geprägt. Viele Kosakken- und Seefahrerlieder gehen auf ihn zurück. Soviel zur Entstehung der bündischen Jugend.

Klar wurden all diese Bünde im 3. Reich verboten. Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass auch schon zwischen den Kriegen viele anfällig für politischen Radikalismus von rechts und links waren. Das überrascht angesichts der Grundhaltung gegen die Gesellschaft und dem Richten nach eigenen Überzeugungen nicht. Andererseits leuchtet es so auch ein, dass viele Bündische im Widerstand gegen Hitler zu finden waren (Hans Scholl war Mitglied der dj 1.11., Graf Stauffenberg Neupfadfinder).

Die deutschen Pfadfinderverbände sind heute noch unterschiedlich stark von diesen Traditionen der Bündischen Jugend geprägt. Es gibt auch noch viele, meist kleinere Bünde, die keine Pfadfinder sind.

An einigen Stellen gibt es Spannungen zwischen bündischen Traditionen und solchen der Pfadfinderei.

Die Pfadfinderbewegung ist international und offen für alle. Sie strebt an, Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen und ihnen zu helfen ihre Anlagen möglichst voll zu entwickeln. Deshalb strebt die Pfadfinderbewegung in die Breite: man will möglichst viele erreichen. Darüber hinaus gibt es klar definierte Grundlagen und Ziele: Das Pfadfindergesetz und -versprechen, also eine wesentlich rationalere Ideologie. In der bündischen Tradition hingegen findet man oft ein starkes, idealistisches Gefühl, was denn das Ziel ist, aber wenig rational fassbares. Und im Grundgedanke sind viele Bünde auch elitärer: Während der Pfadfinderpapa meist seine Angebote vor allem so machen wird, dass sie den Kindern gefallen, wird eine Gruppe fast gleichaltriger Führer weniger kompromissbereit sein.

Ich glaube trotzdem, dass gerade die Kombination, das heißt Pfadfinderarbeit auf bündische Weise, besonders gut ist. Ich bin aus Überzeugung Pfadfinder. Ich möchte nicht auf die klar definierten Ziele und Ideale der Pfadfinderbewegung verzichten. Ich halte auch den Anspruch universell in die Breite wirken zu wollen für wichtig.

Allerdings sind viele Pfadfindergruppen in der Umsetzung dieser Erziehungsziele weniger effektiv und haben einen niedrigeren Anspruch an ihre Arbeit, als bündischere Gruppen. Der Erlebnisreichtum ist wesentlich höher, wenn man sich deutlicher vom Alltag verabschiedet, auch in vielen Äußerlichkeiten. Man kann sich so sein Abenteuer Lager schaffen. (Erlebnispädagogen hört her! Wir waren vor Euch da!) Dabei hilft auch bündische Romantik. Bündische Elemente wie das Auf-Fahrt-Gehen, einfache Lager und sich auf Abenteuer einzulassen verhelfen den Mitmachenden eher zu charakterprägenden Erfahrungen, als weniger unmittelbar fordernde Gruppenarbeit. Und man vergesse nicht, dass so 15 bis 25-jährige viel früher in Verantwortungspositionen kommen, als sich das viele vorstellen können.(Mancher 18-jährige Stammesführer hat mehr Erfahrungen in der Motivation von Mitarbeitern, als mancher Manager, denn letzteren laufen ihre Mitarbeiter im Gegensatz zu Pfadis nicht einfach weg, wenn sie nicht mehr motiviert werden.) Und das in der Meißnerformel "Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten." ausgedrückte Ideal individueller Freiheit, Wahrhaftigkeit und Verantwortung, überschneidet sich mit den Pfadfinderidealen und ergänzt sie.

Lars Dohse

Literatur dazu:

Populärwissenschaftlich, im Stile von '... für Dummies', aber eindeutig toll:
Florian Malzacher, Matthias Daenschel: Jugendbewegung für Anfänger. Zweite Auflage. Verlag der Jugendbewegung, Stuttgart 2004. ISBN 388258131X
http://www.jugendbewegung.de/verlag.php?zeige=dokumentationen

Wissenschaftlich, aber lesbar. Das beste Buch zum Thema:
Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1978. ISBN 380468548X

Englisches Original davon:
Walter Laqueur: Young Germany: A History of the German Youth Movement, Transaction Pub, 1984, ISBN 0878559604

Ansonsten gibt es einiges Lohnendes in der deutschen Wikipedia.

 
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